Mit dem Eintritt in die Lehrerausbildung…

… und den späteren Berufsalltag im Real- und Oberschullehrerseminar (ROS) wurde das Schreiben für mich dann so quasi zur Pflicht. Im Gegensatz zu meinen ‘Kinder- und Jugendprodukten‘, wo ich mich frei von der Leber weg vom eigenem Gutdünken und meiner Kreativität leiten lassen konnte, bereitete mir nun das, ich nenne es mal, ‘gescheite‘ Schreiben, zunehmend Mühe. Vermag mein ‘Geschreibsel‘ der Erwartung eines intellektuellen Erwachsenen zu genügen? Ist mein Stil lesbar, mein Aufbau konsequent? Im Maturaufsatz mit dem Titel ‘Rede zur Verteidigung des 20. Jahrhunderts‘ hatte ich zwar die Note sechs erhalten – der korrigierende Professor rühmte meinen tadellosen Aufbau –, aber damit war noch nichts über den Schreibstil gesagt. Es begann eine Phase, in der ich um die Worte rang und eigentlich nicht mehr gerne schrieb. Alles andere als leichtfüssig entstanden meine Abschlussarbeiten am Oberseminar, wie z.B. ‘Der Einbezug der aktuellen Frage in den Realienunterricht‘ oder ‘Das Verhältnis der Bevölkerung Wallisellens zu seiner Schule‘. Auch mit den ersten Unterlagen für meine Vorlesungen am ROS tat ich mich schwer. Zum Glück konnte ich mich da an viele vorgegebene Fakten halten und hinter einem didaktischen Aufbau ‘verstecken‘, so dass schlussendlich doch ganz passable, und bei den Studenten sehr beliebte Werke erschienen.

Die Unterlagen für meine Vorlesungen am Real- und Oberschullehrerseminar wurden zwar gedruckt, aber jedes Semester wieder aktualisiert.

1967 wurde ich zum Leiter einer Autorengruppe zur Schaffung eines Geschichtslehrmittels für die Realschule ernannt. Mit meinen Kollegen Fredi Fatzer und Werner Flühmann machte ich mich an die Arbeit, ein ganz neues Konzept für den Geschichtsunterricht auszuarbeiten. Der Unterricht sollte nicht mehr chronologisch, sondern thematisch in fünf Themenkreisen erteilt werden. Das Konzept vermochte zu überzeugen und schon 1970 lagen fünf Bände zur Vernehmlassung vor. Diese gestaltete sich aber sehr mühsam: Das Manuskript musste vier aufeinander folgenden Kommissionen zur Begutachtung vorgelegt werden.
Am Beispiel des ersten Titels kann ich darlegen, was das bedeutete. Im Einklang mit dem Lehrplan betitelten wir das erste Kapitel realschulgerecht mit dem Titel ‘Ist unsere Erde eine Scheibe oder eine Kugel?‘ In der ersten Kommission, der kantonalen Lehrmittelkommission, sass ein Germanist, der den Titel zu salopp fand. „Das ist Blickjargon“, meinte er, „schreibt doch ‘Der Wandel in den menschlichen Vorstellungen über die Kugelgestalt unserer Erde‘.“ Die nächste Kommission, eine der Reallehrerschaft, fand diesen Titel aber total daneben. „Da muss ich ja jeden Begriff einzeln erklären, viel zu mühsam“, ein Reallehrer. „Schreibt doch ‘Das alte und das neue Weltbild“. „So einfach ist das aber nicht“, meinte hierauf ein Historiker in der dritten Kommission, „die Weltbilder haben sich teilweise überlappt. Ich würde als Titel nur setzen ‘Das Weltbild‘.“ Die vierte Kommission – das erste Mal eine interkantonale, denn das Lehrmittel sollte in der ganzen Schweiz verwendet werden – fand diesen Titel aber total langweilig. „Könntet ihr nicht schreiben ‘Ist unsere Erde eine Scheibe oder eine Kugel?‘, das wäre doch viel spannender?“ Damit waren wir wieder am Anfang, mit dem einzigen Unterschied, dass zwei Jahre Begutachtungssitzungen dazwischen lagen. Mühsam, wenn jeder auch noch seinen ‘Senf‘ dazu geben kann. Die interkantonale Kommission lehnte schlussendlich das ganze Lehrwerk ab: Zu wenig ausgeglichen! Für die katholischen Innerschweizer Kantone kam die Gegenreformation zu kurz. Dafür hätten wir dem Kommunismus zu viel Raum gegeben. Der Zürcher Lehrmittelverlag, als Auftraggeber, stoppte das Projekt und kaufte uns das Manuskript ab. Es sollte Jahre später als Grundlage für ein neues Lehrmittel dienen. Mein Bedarf an Mitarbeit in staatlichen Verlagen mit ihrer ausgedehnten Kommissionitis war aber vorderhand gedeckt.

In den Schweizer Sprachbüchern versuchte ich möglichst realitätsnah zu bleiben.

Eine entscheidende Wende traf dann 1974 ein: Der private Lehrmittelverlag ‘sabe‘, eine Verbindung der bekannten Schweizer Verlage ‘Sauerländer‘ und ‘Benziger‘, fragte mich an, ob ich nicht an einem Grossprojekt, an der Schaffung eines neuzeitlichen Lehrmittels für den Deutschunterricht an der Volksschule, mitarbeiten würde. Ich sei ihm von Professor Hans Glinz aus Aachen, dem damals sehr bekannten Schöpfer einer modernen deutschen Grammatik und Duden-Preisträger, empfohlen worden. Ich sagte zu und arbeitete nun an einem damals modernen gesamtschweizerischen Lehrwerk mit, dem ‘Schweizer Sprachbuch‘. Ich war für die Bände 7/8 und 9 vorgesehen. An unzähligen Autorensitzungen – wir waren unserer vier – erarbeiteten wir unter Leitung von Hans Glinz Konzepte und übernahmen dann je mehrere Kapitel, die wir zuhause entwickelten, in der Schule erprobten und dann fertig erstellten. Ich versuchte, möglichst realitätsnahe Themen zu finden, verwendete Szenen aus dem Schulbetrieb oder sogar der eigenen Familie. Ab 1977 lagen zwei Bände vor, farbig, frech, voller Bilder und Grafiken, mit vielen Arbeitsaufträgen und neuzeitlicher Didaktik, ein grosser Kontrast zu den damals üblichen Sprachbüchern mit seitenlangen langweiligen Übungen. Die Bücher schlugen ein, wurden in vielen Kantonen obligatorisch erklärt – ausser im Kanton Zürich, denn der hatte einen eigenen Lehrmittelverlag – und bald trug sich der Verlag mit dem Gedanken, ein noch umfangreicheres und grafisch noch schöneres Sprachlehrwerk zu schaffen.